Lady Xena

  • 2013 - 2020
  • Biel/Bienne Switzerland
  • Work in Progress, Audio, Video, Photography

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Die pensionierte Domina
Text: Simone Lippuner

Die Männer nannten sie «Herrscherin»: Als Lady Xena erfüllte Gerda Ricci die perversesten Fantasien ihrer Kunden.

Die roten Fingernägel sind das Einzige, was Gerda Ricci aus ihrem Leben als Xena geblieben ist. Ihre Krallen, wie sie sie nennt. Als sie jünger war, grub sie die langen Nägel in die Haut von Männern, die Schmerz mögen. Als Lady Xena empfing sie täglich Kunden in ihrem Salon in Biel. Alte, Junge, Banker, Akademiker, Studenten, Familienväter, Rentner gingen dort ein und aus. Fast ausschliesslich Männer. Ihre Leben hätten unterschiedlicher nicht sein können, doch eines verband sie: eine geheime Leidenschaft. Bei Domina Xena fanden diese Männer etwas, was im eigenen Umfeld nicht zugänglich war: Befriedigung.

Heute klammern sich Gerda Riccis Finger mit den rot lackierten Nägeln ans Treppengeländer, wenn sie die Stufen zu ihrer kleinen Wohnung in der Bieler Altstadt hochsteigt. Sie ist nicht mehr so gut zu Fuss. Ihr Lebensweg bis dahin war für die 67-Jährige steinig und steil, «aber dafür ehrlich», sagt Gerda Ricci. «Und darauf bin ich stolz.» Sie zieht an ihrer Zigarette und blickt einen mit ihren tiefblauen Augen lange und direkt an.

Erleuchtung in den Familienferien

Es war ein Befreiungsschlag, der nicht von heute auf morgen geschehen konnte. Zu entdecken, dass man an Gewaltfantasien Gefallen findet, ist eine Sache. Diesen Weg selber zu beschreiten, die andere. «Ich war Mitte 30, verheiratet und frustriert», erinnert sich Gerda Ricci.

In den Familienferien in Italien am Strand fällt der jungen Frau ein Buch von Marquis de Sade in die Hände. Die Texte des französischen Adligen, der durch seine gewaltpornografischen Romane bekannt wurde, lenkten Gerda Riccis Aufmerksamkeit auf ihre eigene düstere Seite. «Ich konnte mich komplett identifizieren mit den Fantasien dieser Klosterfrauen, mit der sexuellen Gewalt, den geheimen Wünschen.» In ihr sei eine Leidenschaft erwacht, «ich wusste, das will ich auch machen».